©Matthijs van BoxselDer Darwin-Award
Im Internet wurde vor kurzem der Darwin-Award ins Leben gerufen, ein Preis der jährlich an Menschen vergeben wird, die einen unschätzbaren Beitrag an die Evolution geliefert haben, indem sie sichselbst ums Leben gebracht haben.
Ihre Dummheit war zweifellos eine Tugend. Die Gewinner haben den Darwinismus praktisiert indem sie freiwillig ihre schwachen Gene aus dem Reproduktionsprozess entfernt haben. Und weil die Preisträger immer bei dem Unglück gestorben sind, werden die Preise nimmer ausgeteilt.
Seit kurzem haben auch Menschen eine Chance die nicht gestorben sind, aber zufolge ihres Dummtaten sterilisiert sind, kastriert sind, oder deren Fortpflanzung auf andere Art und Weise unmöglich geworden ist.
Kandidaten kann man anmelden in den Categorieën: Sport und Amusement, Geschäft, Waffen und Sprengstoffe, Liebe, Selbstmord, die Jagd, Verbrechen und Strafe, der Verkehr, Religion, und Medizin.
Bisherige Preisträger sind:
Der 64-jährige Kehlkopfkrebs-Patient Abraham Mosley der in einem Krankenhaus in Florida eine Zigarre anzünden wollte, worauf der Verband um seine Kehle und seine Pyama Feuer fingen. Weil seine Stimmbänder schon entfernt waren, konnte er nicht um Hilfe rufen, und verbrannte er lebend im Bett. Gratulation!
Der Bungee-jumper der die Länge seiner Gummi-Schnur verglichen hat mit der Tiefe der Schlucht in die er sprang, aber vergessen hatte dass die Schnur elastisch war.
Der Anführer einer christlichen Gruppe aus Los Angeles die täglich versuchten nach dem Vorbild Christi auf Wasser zu laufen. Am 24 november 1999 starb der Mann unerwartet als er in seiner Badewanne übte und auf einem Stück Seife ausrutschte. Übrigens: diese Geschichten sind keine marchen, wie etwa die Urban-myths. Sie sind alle tatsächlich dokumentiert.
Drei palästinensische Terroristen die mit ihrem Sprengstoff nach Israel fuhren, und ihre Uhren bereits eingestellt hatten auf die Winterzeit, die in Israël früher als sonstwo eingeführt wird um das Morgengebett an zu passen. Die Autobomben die sie transportierten, waren jedoch noch eingestellt auf Sommerzeit, weil die Palästinenser im Besatzungsgebiet sich weigern zu leben nach was sie nennen: zionistische Zeit. Mit der Folge, dass die Bomben vorzeitig explodierten, und die Terroristen sichselbst in die Luft bliesen.
Altfränkisch ist der Schiesshelm von Albert B.Pratt aus Lyndon, Amerika. Wenn er auf ein Band in seinem Mund beisst, kann der Soldat über seinen Helm eine Kugel abfeuern, dank eines eingebauten Revolvers. Es ist rätselhaft wie man dieses Patent hätte verleihen können, weil das Versuchskaninchen beim Abfeuern des ersten Schusses schon sein Genick gebrochen haben muss. Der Helm is ein patentes Selbstmordmittel [afbeelding!!]]
Der Mann der während eines Streits den Kolben seines Gewehrs gegen die Windschutzscheibe des Autoos seiner Freundin rammte, worauf die Waffe feuerte und eine Kugel ihn tödlich traf.
Mein persönlicher Favorit ist der Astrologe der das Datum seines eigenen Totes wahrgesagt hat, und auf den betreffenden Tag selbstmord verübte. Das nenne ich Berufsehre.
Alle Gewinnern, bravo!
Auf groteske Weise illustrieren diese Geschichten die Dummheit die unsere Kultur lam laufen hält.
Was ist denn Dummheit?
Dummheit ist die unbeabsichtigte Selbstdestruktion. Dummheit ist das Talent, unbewußt gegen das Eigeninteresse zu handeln, im Extremfall mit tödlicher Konsequenz. [Ich rede von Talent, denn die Götter haben uns die Dummheit bei unserer Geburt mitgegeben.] Dieses Talent ist typisch menschlich.
Der Mensch ist das einzige Wesen das so dumm ist, bei seiner Geburt durch Geschrei die Aufmerksamkeit der wilden Tieren auf sich zu lenken.
Ausserdem kommt der Mensch blaurot zur Welt, und hat er nicht wie die Tiere eine Schutzfarbe, mit der er sich zwischen die Büschen verstecken könnte.
Dazu ist der Mensch eines der wenigen Säugetiere die bei Geburt nicht laufen können.
Schlimmer noch: anders als die Tiere, die einen Instinkt zum Selbsterhaltung besitzen, ist der Mensch imstande aus Liebe zu einer Wahnidee über Rasse, Nation, Geschlechts oder Glaube sichselber und seine Gattung zu opfern.
Und jetzt der Knackpunkt meiner Theorie. Einerseits bedroht die Dummheit unsere Kultur jedem Tag aufs neue, andererseits bildet Dummheit das mystische Fundament unserer Existenz. Denn, um nicht zu sterben an seiner Dummheit, ist der Mensch gezwungen, seine Intelligenz zu entwickeln. Alle Strategien die Dummheit zu beherrschen, bilden zusammen unsere Zivilisation. Kultur ist nichts, als das Produkt einer Reihe von mehr oder weniger misslungenen Versuchen, die selbstdestruktive Idiotie in Schach zu halten, die Dummheit die von allen Ländern und allen Jahrhunderten ist.
Explosieves Gemisch
Dummheit zwang den Menschen dazu, seine Intelligenz zu entwickeln. Aber Intelligenz bietet noch kein Garantie für die Selbsterhaltung. Schlimmer noch: Intelligenz kann Dummheit ausserordentlich verstärken. Die Explosionskraft dieses Gemisch zeigt sich am deutlichsten im Kriege.
Weniger aufsehen-erregend tritt diese Dummheit in den schlummernden Bürgerkrieg auf den Schnellstrassen zu Tage. In den Niederländen fordern diese jährlich mehr als eintausend tödlich Verunglückter, ganz zu schweigen von den zehntausenden Schwerverletzten. Es handelt sich hier um eine chronische Katastrophe, eine Reihe kleiner Verhängnisse die minder Eindruck machen als ein einmaliger spektakulärer Unfall, wie der Absturz eines Flugzeugs.
Das selbstzerstörerische Potential der Kombination von Dummheit und Intelligenz ist allerdings auch an anderen Beispielen des technischen Fortschritts deutlich zu erkennen:
* Der nikotinarme Tabak hat den Zigarettenverbrauch verdoppelt.
* Ökonomische Sparlampen werden vorzugsweise als luxuriöse Gartenbeleuchtung genutzt.
* Autofahrer deren Auto mit Airbag und Sichterheitsgurt ausgestattet sind, fahren durchschnittlich 20 Prozent schneller.
* Mehr Autobahnen haben mehr Verkehr zur Folge.
* Breitere Autobahnen führen zu mehr Stau.
* Klimaanlagen haben die Ozonschicht angegriffen, das heißt: die Abkühlung des Büros führt zur Erhitzung der Erde. Darum kaufen wir mehr Klimaanlagen usw.
* Verrückte Kühe sind das Produkt wiederaufbereiteten Schlachtabfälle.
* Der Papierverbrauch im Büro hat seit der Einführung der PC’s, der ‘persönlichen Computer’, um 30 Prozent zugenommen.
* Die Entwicklung eines elastischen Wanderschuhs, der dazu dienen sollte, die Knie zu entlasten, führte zu einer Überbelastung der Hüftgelenke.
Auch in anderen Gebieten erwischen wir die intelligente Dummheit auf frischer Tat:
* Eltern in Amsterdam lassen ihre Kinder nicht mehr draussen spielen wegen des starken Verkehrs; darum fahren sie ihre Kinder mit dem Auto zu Spielplätzen ausserhalb der Stadt.
* Die Strassenbahn, Schnell-linie 5, in Amsterdam fährt regelmässig an belebten Haltestellen vorbei ohne an zu halten. Als ich mich darüber beklagte, erklärte das Transportunternehmen dass der Fahrplan entgleisen würde, wenn die Strassenbahn überall hätte halten müssen um Passagiere einzuladen.
* Die Restaurierung der Fresken Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle zog so viele Besucher an, dass der höhere Feuchtigkeitsgrad, die zunehmende Hitze und der Schwefelgrad in der Luft, im innern der Kapelle einen unsichtbaren sauren Regen zur Folge hatte. Also: Reinigung führt zur Verunreinigung.
Mit eine Variante auf einer Aussprache des Fussballers und Philosophen Johan Cruijff möchten wir sagen: jeder Vorteil hat seinen Nachteil.
Diese selbstzerstörerischen Dummheit stellt eine permanente Bedrohung unserer Zivilisation dar.
Andrerseits: Man kann die Dummheit nicht ausrotten, ohne zugleich auch den Mensch auszurotten. Das wäre wiederum eine Dummheit ins Quadrat gebracht. Man muss immer neue Strategiën entwicklen. Dummheit ist also der Motor unserer Zivilisation.
Listen
Die selbstzerstörerische Dummheit verkehrt sich in ihr gegenteil, indem uneigennützige Selbstaufopferung zur höchsten zivilisatorischen Norm erhoben wird, zum höchsten Zeichen der Nächstenliebe. Auf diese Weise wird die Idiotie zum Dreh- und Angelpunkt der Kultur, Dummheit wird eine Tugend.
Das Martyrium spielt nicht umsonst eine wichtige Rolle in den meisten Religionen: der Gipfel der Dummheit.
Aber denken sie auch an die Hungerkünstler im Lauf der Jahrhunderte. In knappen Zeiten machen wir aus der Not eine Tugend, indem wir das Fasten als eine Form der Askese interpretieren, also ethisches Ideal. Heutzutage begegnen wir das Hungern als ästhetischem Ideal, wie die Anorexia-patiënten beweisen die auf dem Laufsteg/Catwalk als Schönheitsmodelle paradieren. Dummheit nach der letzten Mode.
Die Dummheit ist die unerschöpfliche Fähigkeit des Menschen sich selbst zu behindern. Dummheit lässt sich nicht entgehen, auch die Wissenschaft hat das erkannt. Aber wenn man die Falsifikation zum Kriterium der Wissenschaftlichkeit macht, verkehrt die Selbstdestruktion in einen positiven Beitrag an den Fortschritt. Der Wissenschaftler soll angeben mit welcher Experimenten seine Theorie untergraben werden kann, will seine Arbeit den Titel ‘wissenschaftlich’ verdienen.
Erasmus was der Ansicht, dass Torheit in Seligkeit verkehrt, wenn der Mensch sich in Gott verliert, eine mystische Erfahrung die einem zeitlichen Wahnsinn ähnelt. Der Mystiker in Extase ist ausser sich selbst, genau wie die Verrückte. Extase ist ein Zustand des Entzückens, bei dem die Seele zeitlich aus dem Körper tritt, um mit dem Höchsten Objekt seines Verlangens zu verschmelzen.
Um Missverständnissnen vorzubeugen: es handelt sich hier tatsächlich um einen Liebesakt. Die Liebe die zu einer ekstatischen Vereinigung mit Gott führt, ist nicht eine Form liebenswerter Nächstenliebe. Es handelt sich auch nicht um sogennante platonische Liebe. Nein, die Liebe des Menschen für Gott ist ein leidenschaftliches Verlangen, wie die erotische Liebe bei der die Geliebten sichselbst verlieren, um sich zurückzufinden im Andren. Betäubt durch seine Liebe zu Gott, verliert der christliche Geliebte sich in einer spirituellen Ekstase, und erhält er einen Vorgeschmack der ewigen Seligkeit. In diesem Kontext spricht Erasmus sogar vom erotischen Wahnsinn.
Laut Erasmus ist diese göttliche Ekstase nicht nur den Mystiker vorbehalten, aber auch zugänglich für hingerissene Leser. Das Leben ein auserwähltes Exegets, das die Buchstaben des Buches passiert und vom Geist erleuchtet werd, kennzeichnet sich durch Erstaunen, spirituelle Trunkenheit und Entzückung. ‘Der begnadigte Leser wird ergriffen, transfiguriert; er verliert sichselbst und findet den verborgenen Schatz der ewigen Weisheit.’
Ich hoffe dass sie in meinem Buch mit Bestürzung die verborgenen Schatz unserer Existenz begegnen, die Dummheit.
Dummheit
1980 Las ich zum Ersten Mal Über die Dummheit, einen Vortrag Robert Musils. Dieser österreichischen Schriftsteller hatte diesen Vortrag in 1937 in Wien gehalten, also ein Jahr vor dem »Anschluß«. Es war eine Anklage gegen die Nazional-Sozialisten und die katholische Faschisten die damals in Wien ihre Macht ausübten.
Auf der Suche nach den Quellen, die Musil herangezogen hatte, stieß ich auf eine Reihe hochseriöser, oft unfreiwillig komischer Studien über die Dummheit, unter anderen aus der Feder von von Theologen, Philosophen, Soziologen oder Psychologen.
Die Idee, daß man über die Dummheit genauso ernsthaft reden kann wie über Weisheit, Wahrheit und Schönheit, überraschte mich. Die gesammelten Bücher bildeten bald eine klein Bibliothek mit Titeln wie:
Von der Wollust der Dummheit
The Anatomy of Error
Der Begriff der Dummheit bei Thomas von Aquin und seine
Spiegelung in Sprache und Kultur
La folie dans la raison pure
Über die Dummheit. Eine Umschau im Gebiete menschlicher
Unzulänglichkeit. Mit einem Anhange: Die menschliche
Intelligenz in Vergangenheit und Zukunft
Le leggi fondamentali della stupidità umana
Harri Meiers Die Onomasiologie der Dummheit handelt sich über das Gebrauch des Wortes ‘Dummheit’ und ihrer Varianten in der Sprache:
1= Dumm, blöd, dämlich, doof, dappig, dusselig, stupide
2= Verrückt, irrsinnig, schwachsinnig, närrisch
3= Verdutzt, verdreht, verwirrt, perplex, überrascht
4= Einfältig, albern, kindisch, infantiel, naiv, harmlos
5= Beschränkt, borniert, arm an Geist
6= Störrisch, verbohrt, dickköpfig, stur
7= Ungeschickt, unpraktisch, unklug
Mit einem Mal erschloß sich mir das Reich der Dummheit, ein Reich, das von dieser Welt ist. Seine Koordinaten überschneiden sich mit unserem Alltagsleben. Doch im Grunde handelt es sich um ein ganz und gar eigenständiges, in sich geschlossenes Universum mit wesenseigener Flora und Fauna, einer ihm eigenen Sprache, einer eigenen Topographie. Und vor allem mit einem nur ihm eigenen, existentiellen Prinzip.
Ich kartierte alle Definitionen der Dummheit und stellte zu meinem Erstaunen fest, daß sie im allgemeinen nicht als Mangel, sondern als eigenständige Macht charakterisiert wurde. Bestätigt wurde dieses Bild durch Dutzende von Allegorien aus der Druckgraphikdes Mittelalters und der Renaissance, in der die Dummheit einen eigenen Platz neben den anderen Eigenschaften einnimmt.
Allegorien
So sehen wir eine Frau mit entblößtem Busen, einen Narzissenkranz durch die Haare geflochten und angelehnt an eine Ziege, die das Kraut Eryngium kaut. Die Narzisse verweist auf das griechische Wort narkè, das »Betäubung« bedeutet (man denke an »Narkose«). Laut Plinius rührt sich die Ziege nach dem Genuß von Mannstreu nicht mehr vom Fleck. Die nackten Brüste deuten auf Schamlosigkeit hin. In dieser Allegorie sehen wir also prägnant drei Aspekte der Dummheit beleuchtet: Dumpfheit, Starrsinn und Schamlosigkeit.
Ein andere Stich bildet dazu ein Pendant. Wir sehen eine Frau mit Adlerflügeln und einem Eulenkopf. Ihre Kleidung ist mit Narrenschellen behängt, und in der Hand hält sie einen »Slapstick«, ein Narrenzepter mit einem Erbsensäckchen zum Watschen. Die Eule ist in Westeuropa das Symbol der Dummheit, da das Tier tagsüber blind und hilflos ist. Man denke an den Ausdruck »komischer Kauz« und die Redensart: »Jeder sieht seine Eule für eine Nachtigall an.« In diesem Bild wird die Dummheit nicht durch Trägheit, sondern durch voreiliges Handeln gekennzeichnet. Die Weisheit dagegen eilt mit Weile. Kurzum, Dummheit wird mit sinnfälligen Extremen assoziiert: Sie ist entweder zu träge oder zu schnell.
Seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts verschiebt sich der Schwerpunkt jedoch zunehmend auf die Dummheit des grauen Mittelmaßes. Nicht nur in der Druckgraphik, sondern auch in der Literatur tritt der dumme Bürger in den Vordergrund. Man denke an Chrysostomus Matanasius, Monsieur Prudhomme, Tribulat Bonhomet, Bouvard, Pécuchet.
Im Gegensatz zu den Narren der mittelalterlichen Satire, die die Laster des Kollektivs exemplarisch verkörpern, symbolisiert der Bürger jetzt die engstirnige Tugendhaftigkeit der Masse. Im Vergleich zu seinem ängstlichen Opportunismus erlangt die prinzipielle Entscheidung für den Irrsinn ihrerseits eine ethische Dimension. Dem Normalen haftet plötzlich etwas Krankhaftes an.
Nicht von ungefähr wird im achtzehnten Jahrhundert die Dummheit auch von den Phrenologen und Schädelmessern entdeckt, die behaupten, daß mit Hilfe von Zirkel und Lineal Inhalt und Umfang der Intelligenz meßbar seien. Mit paranoidem Eifer betrachten sie selbst das alltäglichste Äußere als Ausdruck eines bekloppten Inneren. ‘Die Stirn am linkenseite ist zo hoch und zu schmall, und die Stirn am rechenseite ist zu dick/geschwollen und zo breit; nacht unten sieht der einer gutmütig aus, un der anderer bösartig. Es ist nie richtig.
* Die Untersuchungen nehmen groteske Ausmaße an. So wäre ein Dummkopf noch am Abend an seinem Umriß zu erkennen ... vorausgesetzt, daß er eine Glatze hat.
* Sogar Pferden beurteilt. Surrealistiche Dichter André Breton, der geschrieben hat dass ein Pferdekopf einen alten Schuh mit Krampfadern gleichsieht. Diese Pferden sehen segr gestresst aus; nur no.3 hat sich mit seiner Existenz versöhnt. Und ja, gerade der nennt man dumm, eselartig.
Eine Vision; die Akademie der Dummheit. Auf dem Dach flattert eine schwarze Fahne, die alles Licht verschluckt und nichts reflektiert. In eine Wolke gehüllt, liest die göttliche Dummheit auf dem Fries entlang der Kuppel ihre eigene Geschichte: Lachende Menschen heben Löcher aus, um darin die aufgebuddelte Erde zu vergraben.
In der Galerie des Akademiegebäudes stehen auf einer Reihe von Sockeln marmorne Statuen, darunter eine in einen Fischschuppenmantel gekleidete Figur, eine auf einer schiefen Ebene hockende Frau mit einer Augenbinde und einem Rad in der Hand sowie ein Mann mit Schweinskopf.
Glasmalereien zeigen eine Sphinx und darunter den Schriftzug:
Wer ist intelligent genug, seine eigene Dummheit zu begreifen?
An den Wänden der Eingangshalle ist eine von Hornissen und Wespen heimgesuchte Menge Namenloser abgebildet, die einer wirbelnden Fahne hinterhereilt. Durch den monumentalen Treppenschacht, wo sich Prudentia im Spiegel betrachtet, betritt der Dummschaftler einen kreisrunden Saal. Das gigantische Gewölbe wird von mythologischen Dummköpfen getragen: von einigen Giganten, dem Zyklopen, Epimetheus, König Midas und einem Mann mit einem Stein im Mund. Die hohe Decke ist mit einer Apotheose der Dummheit bemalt, solcherart, daß das Dach herabzustürzen scheint.
An der Wand prangt eine Weltkarte, gespickt mit Hunderten von Fähnchen, die sprichwörtlich dumme Orte und Landstriche wie Schilda, Gotham und Ostfriesland markieren. Neben einem Eselschatten sind ein irischer Krug, dessen Henkel sich auf der Innenseite befindet, und eine lockere Schraube ausgestellt.
Auf einem Kalender sind der 1. April und 11. November umrandet, dazu jeder Mittwoch, die Fornacalia im Februar, das Geburtsdatum des heiligen Polykarp und Sankt Matthias sowie der Schalttag, an dem das Delirieren gestattet ist. An den Rand sind astrologische Zeichen gekritzelt — wer im Mai oder unter dem sechzehnten Grad des Leo geboren wird, ist dumm.
Der Fußboden ist übersät mit Instrumenten von Schädelmessern, einem Modell der hohlen Erde, Karten von Atlantis, Utopia und Lemurien. An allen Objekten hängen Schildchen mit Texten, Jahreszahlen oder Zeichnungen.
Der Besucher folgt einem Pfad an Flora und Fauna der Dummheit entlang: ein Käfig mit einer Gans, eine Eule auf einem Baumstumpf, ein Fisch im Glas. Eine Fledermaus fliegt durch den Raum. Auch ein kopfloses Huhn läuft umher. Diese und andere Tiere (die meisten von ihnen eßbar und domestiziert) bevölkern zusammen den törichten Tiergarten, das bestiarium stupidum. Der Spaziergang führt des weiteren an einem Mohnstrauß, Brombeerbüschen, einem Ahorn, einer Geranie im Blumentopf und einem Kasten mit einem Mandelbaum vorbei. Flora der Dummheit.
Unterwegs entdecken wir ein Sofa, auf dem eine Blondine sitzt und einem Macho schöne Augen macht.
Die dummen Blondinen aus dem Kino: Anita Ekberg, Jayne Mansfield, Marilyn Monroe zum Beispiel. Was ist die Beziehung zwischen Dummheit, Blondheit und Sexualität? Blondheit ist ein Zeichen von Reinheit. Die dumme Blondine ist ein Naturkind. Sie hat noch nicht gegessen von der verbotenen Frucht, und kann sich darum ohne Scham ihrer Sexualität hingeben. (Aber was ist Genuss ohne Scham? Marylin Monroe singt: I want to be loved by you, poo poo pee doo.’ Damit ist alles gesagt.) Aber die berühmte Blondinen waren meistens brünett; ihr Haar war mit Wasserstoffperoxyde behandelt worden. Das ist eine Paradox; mit einem Maximum an artifiziellen Mitteln hat man den Prototyp der Sauberkeit geschaffen.
Und vielleicht steckt gerade darin die Anziehungskraft der Blondinen: just weil wir sehr gut wissen dass sie so tun alsob, dass sie ein Spiel mit uns treiben, sind sie spannend, erotisch. Die meisten Blondinen sind nicht umsonst meistens hervorragende komische Schauspielerinnen!
Denke andrerseits auch an die kühlen Blondinen aus den Filmen von Hitchcock (Eve Marie-Saint, Tippy Hedren, Grace Kelly), die gerade intelligent scheinen weil sie mysteriös schweigen. Wenn wir Hitchcock glauben können, sind gerade diese kühlen (frigiden) Blondinen sexuell sehr erfinderisch auf dem Hintersitz eines Taxis.
Topographie der Dummheit
Der Topographie der Dummheit beabsichtigt ein Buch in der alle Dummstädte ebenso aufgelistet werden, wie die Dummtaten, die ihnen zugeschrieben werden.
Bereits seit Jahrhunderten werden in der ganzen Welt Geschichten erzählt, die die problematische Beziehung zwischen Dummheit und Intelligenz veranschaulichen. Diese Geschichten, sogenannten epischen Schwänke, werden häufig den Einwohnern sprichwörtlich dummer Orte angedichtet. Deshalb werden die Scherze entsprechend ihrem geographischen Schauplatz auch als boiotiana (nach Böotien, einer ob ihrer lokalen Dummheit legendären Landschaft in Griechenland), Gothamic jests, Schwaben- oder Schildbürgerstreiche bezeichnet.
Topographie: Hessen:
Griesheim (Bei Darmstadt); Die Einwohner binden eine aneinanderhängnde Menschenkette, um die Tiefe ihrs Brunnens auszuloten. Der Bürgermeister, das oberste Kettenglied, will sich in die Hände spucken, ermahnt die anderen sich festzuhalten und läst los. Alle fallen auf den Brunnenboden.
Hersfeld; Muggenblusser/Mückenlöscher; sie glaubten es gab ein Feuer in der Kirche, weil sie Wolken um den Turm sahen. Aber es zeigte sich, dass es handelte um eine Wolk Mücke.
Schwarzenborn; Streiche.
= Sie besäeten ein Feld mit Salz. Es wachsen jedoch nur Brennesseln. Um den kostbaren Salzsamen nich niederzutreten, läst sich der Bürgemeister von vier Männern auf einer Trage ins Feld bringen. Der sogennante Salzsamen brennt in an den Beinen und wird deshalb für reif befunden.
Zweierlei Dummheit und ihre Logik
Die Dummköpfe wollen ein Rathaus bauen. Dazu fällen sie oben am Berghang die benötigten Bäume. Anschließend tragen sie die Stämme nach unten, bis ihnen aus Versehen ein Baum aus den Händen rutscht und hinunterrollt. Das bringt sie auf eine Idee: Es ist schlauer, die Baumstämme den Berg hinunterzurollen. Sie heben das Holz wieder auf und tragen es hoch, um es anschließend den Hang hinunterrollen zu lassen.
Die gegensätzliche Bewegung veranschaulicht die Logik der beiden Dummheiten. Die erste Dummheit ist das Hinuntertragen der Bäume. Dabei handelt es sich gewissermaßen um eine nützliche Dummheit, so gesund wie der Menschenverstand; sie ist Teil des Denkprozesses, des Kreislaufs von Erfolg und Mißerfolg. Diese Dummheit ist für den Schaden verantwortlich, durch den wir »klug« werden. Dummheit hinterläßt Narben, die zusammen unseren Charakter ausmachen.
Die zweite Dummheit steckt in der umgekehrten Bewegung: Die Baumstämme werden wieder den Berg hochgetragen. Die Dummheit sprengt den Rahmen des Denkprozesses. Es handelt sich hier nicht um eine Dummheit im Denken, sondern um eine Dummheit des Denkens.
Das Durchschauen der ersten Dummheit führt zur Einsicht, ist evolutionär, trägt zur Entwicklung bei. Das Durchschauen der Dummheit des Denkens dagegen ist revolutionär. Das Durchschauen hat entweder den Wahnsinn oder die Erlösung zur Folge: Das Denken wird von seinen Gesetzen befreit und der Weg für die Schöpfung neuer Denkformen aus dem Nichts bereitet.
Fabel von Phaedrus illustriert: Die Frösche wollen einen König haben
Es lebten einmal viele Frösche in einem Sumpf. Und diese Frösche machten einander verrückt mit ihrem Gequack. Sie baten Jupiter um einen König, der den Geschwätz ein Ende bereiten würde. Lachelnd warf Jupiter einen Holzklotz in den Morast. Nachdem sie sich von dem Schrecken erholt hatten, kamen die Frösche näher, um den Klotz zu untersuchen und ihn dann zu verspotten. Anschließend baten sie Jupiter um einen echten König; woraufhin er eine Wasserschlange in den Morast warf, die alle Frösche auffraß.
Hier haben wir es mit den beiden Extremen unserer Gesellschaft zu tun: Die Demokratie kann in Anarchie umschlagen, die Monarchie zur Diktatur führen. Moral: Die parlamentarische Demokratie existiert von Königs Gnaden, unter der Bedingung, daß er ein Klotz ist.
Das Paradox der Demokratie
Der Volkswille bildet die Richtschnur bei der Verfassung von Gesetzen. Doch wie läßt sich der Gemeinwille feststellen? In einer Demokratie steht niemand über den Parteien. Es gibt keinen Punkt, von dem aus das Gemeinwohl bestimmt werden könnte. Auch die Gesetzgeber selbst unterstehen dem Gesetz. Die Legitimität des Gesetzes ist fortwährend Gegenstand einer Diskussion, welche die definitive Festlegung des Volkswillens verhindert.
Die Schwäche ist zugleich die Stärke der Demokratie. Sie gedeiht gerade im Gequake für und wider, in der nie ablassenden Debatte darüber, was des Volkes Wille sei. In der Demokratie ist der Konflikt institutionalisiert. Jede Lösung ist eine vorläufige. Demokratie ist nichts als das Produkt einer Reihe böotischer Versuche, die Demokratie in den Griff zu bekommen.
Die Demokratie wird bedroht von zwei Gefahren.
Einerseits: Es besteht die Gefahr, daß die Wahlen zu einer Anarchie ausarten. Der Ort der Macht darf nicht zu lange leer bleiben.
Andererseits: Es besteht die Gefahr, daß jemand sich des Ortes der Macht bemächtigt und die Demokratie zu einer erstickenden Diktatur ausarten läßt.
Wie läßt sich das Dilemma der Demokratie umgehen? Indem man der Dummheit selbst Platz einräumt. Die konstitutionelle Monarchie ist hier die Lösung. Weil der König ein evidenter Fremdkörper ist in eine Demokratie.
In seiner Deplaziertheit führt der König die Dummheit der Demokratie vor Augen, das Scheitern, vor dessen Hintergrund die Demokratie erst zum Erfolg werden kann.
Die Demokratie läßt sich nur vermittels eines Untertans verwirklichen, der die Ungereimtheit der Demokratie personifiziert: der König.
Morosophie:
Man hat Untersuchungen angestellt zu den Auswirkungen des Seitenwinds auf die Addition, zum spezifischen Gewicht eines Kusses und zur Grundfläche Gottes. Es gibt eine Kitzelstatistik, eine Dialektik des Nichtwissens. Andere haben Sonnenuntergänge klassifiziert, eine Mimesistheorie auf der Grundlage von Papageiengeräuschen entwickelt
Warum sind diese Studien so faszinierend, so urkomisch und gleichzeitig herzerquickend? Nicht sosehr, weil sie Parodien der Wissenschaft, sondern vielmehr weil sie naturgetreue Nachbildungen der Torheit sind, die in all unseren Versuchen steckt, das Leben in den Griff zu bekommen.
Solch erheiternde Abhandlungen deuten auf die heimliche Freude, die sich hinter allem wissenschaftlichen Ernst verbirgt, auf das kindliche Vergnügen, den Kosmos auf eine Formel zu bringen, die Welt auf die Ausmaße eines Guckkastens zu reduzieren.
Zudem sind monomane Studien dazu angetan, das Leben ins Lot zu bringen. Indem man sich mit seiner ganzen Kraft auf einen Aspekt des Daseins, wie dumm auch immer, konzentriert, kann man ein phantastisches Wissen anhäufen und dabei viel Spaß erleben.
Die Dummheit der Wahlen
Man denke bloß an den Einfluß des Wetters auf das Ergebnis: Je schöner das Wetter, desto mehr Wählerstimmen, desto stärker der Trend nach links. Wähler der Linken sind Schönwetterwähler. Doch dies gilt nur in Ländern mit schlechtem Wetter ...
Die Kandidaten handeln aus Eigeninteresse. Ihnen geht es um Macht, Geld oder die Befriedigung ihres Idealismus. Überdies ziehen sie alle Register der Rhetorik; sie spekulieren auf die Angst, Unzufriedenheit, Geldgier, mit einem Wort auf die Affekte der Wähler.
Die Wähler selbst sind nicht besser. Sie lassen sich von ihren individuellen, alles andere als demmokratischen, sondern vielmehr anarchistischen, auf Eigennutz abgestimmten Auffassungen leiten. Zudem lassen sie sich von ihren Gefühlen mitreißen. Sie sind anfällig für Demagogie und allerlei Provokationen. Ein unvorhergesehener oder manipulierter Vorfall, zum Beispiel ein Skandal kurz vor den Wahlen, kann über die Zukunft des Landes entscheiden.
Und wer außer Fachidioten nimmt überhaupt noch Notiz von den Parteiprogrammen? Die Bürger, die dennoch aus demokratischen Ehrgefühl wählen, werden von den anderen als Deppen verlacht.
Schlimmer noch: Solche Prinzipienreiter können sogar eine Gefahr für die Demokratie bilden. Diejenigen, die die Demokratie rationalisieren wollen, die den Wähler vor der Stimmabgabe einem Intelligenztest unterziehen möchten, streben eine Diktatur des Intellekts an. Würden wir vor den Wahlen die Vergangenheit der Kandidaten durchleuchten, würden wir die Bürger auf ihre Kenntnisse der Politik examinieren, so bekämen wir eine organisierte Demokratie nach dem Modell der ehemaligen sozialistischen Republiken, wo die eigentlichen Wahlen vor den Wahlen stattfänden.
Die Torheit spricht also nicht gegen die Demokratie. Ganz im Gegenteil, die Demokratie besteht dank der Idiotie. Das Streben nach vollkommener Vernünftigkeit würde zu antidemokratischen Maßnahmen führen.
Paradox 2; Herrschaft
In der Demokratie liegt die Herrschaft beim Volk. Doch was ist das Volk, wenn nicht eine Menge von Untertanen? Das Volk kann aber nicht gleichzeitig Herrscher und Untertan sein. So hindert sich das Volk selbst daran, ein Volk zu werden. Das ist die selbstdestruktive Dummheit an der Demokratie.
Die Demokratie beruht auf dem Glauben, daß die vom Volk aufgrund ihrer Qualitäten Gewählten mit Vernunft regieren werden. Doch wer beurteilt die Qualitäten desjenigen, der die Qualitäten beurteilt? Es gibt keine letzte Garantie für die Eignung der Herrscher.
Das Wahlergebnis berechtigt einen Untertan, die Macht auf Zeit auszuüben, als Stellvertreter eines unmöglichen Herrschers. Er hat den Status eines Bevollmächtigten.
Damit die Minister nicht an ihre Plüschsessel kleben, sprechen wir voller Geringschätzung über die Raffkes in Berlin, über die hauptstädtische Arroganz, die hohen Herren usw. Niemand kann die unmittelbare Verkörperung des Volkes sein. Die Herrscher auf Zeit besetzen bloß die Leerstelle einer unmöglichen Souveränität.
Der Ort der Macht hat rein symbolischen Charakter; er kann nicht von einer realexistierenden politischen Machtfigur besetzt werden, ohne die Demokratie in eine Diktatur zu verwandeln. Erfolgreiche Politiker stellen die größte Gefahr für die Demokratie dar!
Fürstenspiegel
Unser gesunder Menschenverstand sagt uns, daß der Fürst möglichst weise, kompetent und mutig sein soll. Das Gegenteil trifft jedoch zu. Da seine Autoriät ein rein formale ist, kommt es nicht auf seine Qualitäten an. Er muss nur seine Unterschrift leisten unter neue Gesetze die seine Ministers erarbeitet haben.
Die Kluft zwischen seiner symbolischen Rolle und seiner tatsächlichen Befähigung könnte nicht groß genug sein. Wenn Rolle und Qualitäten zusamenfallen, droht die Diktatur
Der König bekleidet eine rein zeremonielle Funktion. Gerade weil es sich hier um eine törichte, rein formale Verrichtung handelt, kann die Rolle des Staatsoberhaupts einem Idioten aufgetragen werden, der aus einem irrationalen Grund wie Geburt an diese Position geraten ist.
Es ist sogar ein beruhigender Gedanke, daß Königin Juliana, Prinzessin Irene und Prinz Charles sich mit Ufonauten, Bäumen und Delfinen unterhalten.
Ein Präsident stellt hingegen eine viel ernstere Gefahr für die Demokratie dar: Das Risiko, daß wir an seine Vernunft glauben werden, ist groß. Ein König ist wenigstens offensichtlich deplaziert.
Wie um Mißverständnisse zu vermeiden, haben sich viele französische Präsidenten deswegen als Fürsten aufgeführt, wie ihre Rhetorik, ihre Triumphbögen und Kunsttempeln dokumentieren. Auch anderweitig betonen sie ihre Irrationalität. Nicht nur Hitler und Stalin, sondern auch Churchill, Reagan und Mitterand pflegten Astrologen zu konsultieren.
Der Fürst muß klug genug sein, sich dumm zu stellen. Bei öffentlichen Auftritten hat er sich als Marionette zu benehmen, als Holzkopf, um klarzustellen, daß er eine Rolle spielt.
Aus Fernsehinterviews mit dem niederländischen Kronprinzen geht hervor, daß er aus dem richtigen Holz geschnitzt ist. Sein hölzernes Benehmen, seine Gemeinplätze (»langue de bois«), seine Unbeugsamkeit (wenn es um die Jagd, Religion oder die Ehe geht) lassen ihn für die Funktion eines konstitutionellen Monarchen bestens geeignet erscheinen.
In gewisser Hinsicht paßt den niederländische Kronprinz Willem-Alexander am besten zur Demokratie. Wo Beatrix sich mit aller Kraft als Fürstin zu beweisen sucht, schließt das hölzerne Auftreten des Kronprinzen jede Verwechslung seiner Person mit der Rolle des Fürsten aus. Im Volksmund trägt er nicht von ungefähr den Spitznamen »Wilhelm der Dumme«.
Metamorphose
Der Fürst is Fürst weil wir ihm als ein Fürst behandeln, nicht weil er von Natur her etwas Fürstliches an sich hat, im Gegenteil: Der könig ist ein ganz gewöhnlicher Sterblicher, der aufgrund von an sich wenig noblen Vorgängen wie Zuchtwahl und Fortpflanzung an die Spitze eines Volkes geraten ist.
Aber wenn wir den Fürsten nur lange genug als Fürst behandeln, erfahren gerade seine alltäglichen Eigenschaften eine wunderbare Metamorphose.
Wenn die Niederländische Königin Fahrrad fährt, ist das nicht die normalste Sache der Welt, sondern es ist ungewöhnlich gewöhnlich. Gerade als normaler Mensch ist sie außernormal.
Die königliche Familie zeigt ihre Kraft, indem sie sich möglichst banal benimmt. Ehebruch, Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit, Verschwendung, Depressionen, Alkoholismus, all dies trägt zum Glanz des Königshauses bei.
Je mehr der König sich als ganz normaler, in alltägliche, törichte Leidenschaften verstrickter Mensch zu erkennen gibt, desto mehr wird er zum König.
Die frühere niederländische Königin Juliana war zweifelsohne ein Objekt der Faszination, doch Beatrix scheint sich nicht mehr auf den Mechanismus der Transsubstantiation zu verlassen und klammert sich ans Zeremoniell. Einerseits nimmt sie sich selbst von jeher zu ernst, andererseits glaubt sie nicht genug an ihre Fürstlichkeit, um ganz beruhigt normal sein zu können. Sie scheint die Distanz zu kultivieren, was sich, wie auch die Windsors belegen, eher nachteilig auswirkt.
Prinzessin Diana, die »Prinzessin des Volkes«, dagegen hatte einen sicheren Instinkt für den Mechanismus; deshalb konnte sie es sich leisten, in Haute Couture gehüllt Leprakranke zu umarmen.